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Bhaktapur Darbar Square East - A Project for a New Centre 2008

Erdbebensicheres Bauen mit Ziegel in Nepal

Projekt und Exkursion  unter Leitung von Prof. Wolfgang Rang

Hintergrund
Die Stadtkultur der Newars im Kathmandu Tal entwickelte sich etwa seit dem 5. Jahrhundert, wobei die gegenwärtigen Städte etwa im 16./17. Jahrhundert ihre heutige Gestalt annahmen. Historische Stadt- und Sozialstrukturen sind bis heute nahezu intakt geblieben. Jenseits von Bhaktapur ist die Zwillingsmetropole Kathmandu-Patan seit den achtziger Jahren einem ungeahnten Urbanisierungsschub ausgesetzt. Das Erlebnis einer unerhörten Gleichzeitigkeit von Lebenswelten macht die Städte des Kathmandu Tals zu einem ganz besonderen Ort.

Ziele
Kulturelle Kompetenz: Sich in Raum und Zeit nach Kriterien zu bewegen, die in Frankfurt unbekannt sind, schärft die Wahrnehmung und schafft dadurch wichtige Voraussetzungen für die Entwurfsentscheidungen eines Architekten und Bauingenieurs. Die Erfahrung „anderer“ Qualitäten und Werte in Raum und Zeit wirft Fragen auf nach den „eigenen“ Maßstäben.
Architektonische Bindungen: Der Dialog mit einer ganz anderen Welt verlangt ein neuartiges Ankommen in der Situation, Analysen und sorgfältiges Abwägen – Übung für jeden anderen Schritt in eine globalisierte Welt.

Handarbeit
Seit wenigen Jahren gibt es in Nepal Industrieprodukte aus China und Indien, Thermopanefenster, Beschläge jeder Preisklasse, luxuriöse Sanitärobjekte. Daneben stellen Ziegelmacher und Zimmerleute in Handarbeit Formziegel, geschnitzte Fenster und Türgewände her. Es besteht die einmalige Gelegenheit, Ziegel und Fensterdetails im Maßstab 1:1 zu entwerfen und die handwerkliche Umsetzung zu begleiten. Der Kontakt zum Werkstück vermittelt Erfahrungen, die für den Umgang mit allen anderen Materialien sensibilisieren und den Architekten in die Lage versetzen, die richtigen Fragen zu stellen.

Aufgaben
Im Osten angrenzend an den Darbar Platz erstreckt sich ein Gelände von etwa 7.500 Quadratmetern, das einst eine Verlängerung des Platzgefüges darstellte. Gedacht ist an eine dreigeschossige Bebauung, die an markanten Stellen auch ein viertes Geschoß ausweisen mag. Ein präziseres Programm zu entwickeln gehört zu den Entwurfsaufgaben, um im Rahmen der Konzeptionsphase eine möglichst große Bandbreite von Nutzungen und Dichte zu erreichen.
Die Entwurfsaufgabe wurde im Maßstab 1:200 bereits während des Sommersemesters 2008 entwickelt. Aufgaben im Bereich Statik/Baukonstruktion, Freies Zeichnen und Architekturtheorie/Anthropologie werden als intensive Blöcke in die über die gesamte Aufenthaltszeit von 40 Tagen in die Arbeit am architektonischen Entwurf eingeschoben. Während des Aufenthaltes in Bhaktapur werden die vielversprechendsten Alternativen bis ins Detail weiterentwickelt und eine gemeinsame Musterfassade/Turm aus handgeformten Ziegel in M 1:1 gebaut.


 

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Der Turmbau zu Bhaktapur in Nepal

Fachhochschule Frankfurt am Main - Architektur
Ruprecht-Karls Universität Heidelberg - Exzellenzcluster "Asia and Europe"
12. September bis 5. Oktober 2008


Bild 1: Bhaktapur, 16. September 2008, Turmbau auf dem Schlangenhügel, Tahaja
Auf die Sockelzone folgen eine Lage Verblendziegel, zwei Lagen Normalziegel und wiederum eine Lage Verblendziegel. Dann erst folgen drei Lagen nach Frankfurter Entwurf. Vor dem Bau wird Lehm zu Mörtel, ungebrannte Ziegel machen die innere Schicht aus.

Bild 2: Turmbau in Bhaktapur, 27. bis 30. September 2008
Einbringen der dreifachen lokalen Ziegelschar über dem Fenstersturz.

Bild 3 und 4: Turmbau in Bhaktapur, 6. Oktober 2008 - Ostfront, 6.26 morgens

Bild 5: Turmbau in Bhaktapur, 3. Oktober 2008
Oben: Eckbildung der Ziegel mit kreuzförmiger Teilung unterschiedlich geneigter Flächen mit stumpfen Flächen.
Unten: Detail der Ostfront mit vier verschiedenen Frankfurter Ziegeln, die mit den newarischen Verblend- sowie nepalesischen Normziegeln in Rollschicht oder doppelter Schicht von Köpfen voneinander abgesetzt sind.

Bild 6: Turmbau in Bhaktapur
Oben: die untersten 16 Lagen des Turmes mit einem Sockelprofil aus zwei übereinander liegenden Wellensteinen, jeweils getrennt durch einen Pfeilstein. Die Mitte wird in der oberen Lage durch drei Wellensteine gebildet, in der unteren Lage durch drei nebeneinander liegende Pfeilsteine, die einen Wellenstein einfassen. Oberhalb und unterhalb dieses Profils vermittelt eine Lage nepalesischer Verblendsteine mit glatter, leicht gefärbter Oberfläche. Ebenfalls eingefaßt durch Verblendsteine ist die folgende dreifache Lage von Faltsteinen. Die darauffolgende doppelte Lage von Kassettensteinen ist durch Köpfe nepalesischer Normalziegel abgesetzt.
Unten: die dreifache Lage der T-Steine.

Gedanken zum Bau eines Turmes in Bhaktapur, Nepal

Entwürfe für Ziegel aus Frankfurt treffen auf traditionelle Bautechniken der Newars

Eine Gruppe von 25 Architekturstudenten der Fachhochschule Frankfurt am Main haben mit Prof. Wolfgang Rang (Fachhochschule Frankfurt) und Prof. Dr. Niels Gutschow vom Exzellenzcluster „Asia and Europe“ der Ruprecht-Karls Universität Heidelberg in Bhaktapur in 24 Tagen eine Turmskulptur gebaut.

Im April 2008 entwarfen die Studentinnen und Studenten in Frankfurt Ziegel unterschiedlichen Formates und unterschiedlicher Oberflächengestaltung und modellierten danach Prototypen in Lehm. Dreizehn dieser Modelle in Lehm, Pappe oder Holz wurden Anfang Mai nach Nepal geschickt. Dort fertigte ein Zimmermann Model, mit denen ein Ziegelmacher etwa 3600 Rohlinge herstellte, die bis zum Juli trockneten. Mitte September wurden die letzten Ziegel aus dem Brennofen geholt.

Nördlich von Bhaktapur stand inmitten von Reisfeldern ein Bauplatz zur Verfügung, auf dem nach der rituellen Grundsteinlegung unter Anleitung eines Brahmanen am 12. September auf einem Quadrat von 350 Zentimeter Seitenlänge eine Turmskulptur entstand. Ohne jede Vorplanung entstand Schicht um Schicht unter Verwendung der in Frankfurt entworfenen Ziegel, 10.000 gebrannten und weiteren 10.000 ungebrannten nepalesischen Normziegeln. Am 3. September wurde der oberste Mauerkranz gesetzt, so dass zwei Tage später dem Sturzbalken eine Ziege geopfert werden konnte und der Bau mit einem Festmahl abgeschlossen war.

Innerhalb von drei Wochen wuchs die Turmskulptur aus dem Material des Baugrunds an der Peripherie der mittelalterlichen Stadt an einem Reisfeld. Im Zuge des Bauens wurden alle notwendigen Schritte in der Gewinnung und Verarbeitung des Lehms erfahren: Der Aushub wird mit den Füßen gewalkt und unter Zugabe von Sand in Mörtel verwandelt, um dann gezielt in die Lager- und Setzfugen geworfen zu werden. Gebrannte Ziegel wurden in einem zweischaligen Verbund mit luftgetrockneten Ziegelrohlingen unter Anleitung von newarischen Maurern gesetzt, die ihr Handwerk von den Vätern übernommen haben. Die von den Studenten bereits in Frankfurt entworfenen und am Ort handgefertigten und gebrannten Ziegel ließen in einer Mischung mit unterschiedlichen lokalen Ziegelformaten eine einzigartige Skulptur entstehen.

Das Bauen mit dem am Ort vorgefundenen Material erscheint im Lichte deutscher Bauprozesse und im Hinblick auf die Energiebilanz geradezu revolutionär. Die Begegnung mit der alten Stadtkultur der Newars des Kathmandu-Tales fordert zudem, gewohnte Denkweisen und Praktiken im Bauen, die mit Perfektion, Normung und Linearität verbunden sind, aufzugeben. Das Ziel des Heidelberger Exzellenzclusters ist es, derartige Asymmetrien im transkulturellen Fluß von Ideen zwischen Europa und Asien zu erforschen. In Kooperation mit der Fachhochschule Frankfurt sollte in einem konkreten Bauprojekt der Fluß von Praktiken hautnah erfahren werdeen. Die Studenten waren widerstreitenden Konzepten von Bauprozessen ausgesetzt. Sie brachten ihre eigenen Entwürfe ein, um sich dann den Regeln der über Jahrhunderte gewachsenen, hochentwickelten Baukultur der Newars zu unterwerfen: So traf Europa auf Asien.

Bauen mit dem, was der Baugrund gibt
Wolfgang Rang

In einer Zeit, in der im deutschen Bauen Ziegel aus Holland und Polen, Zement aus Spanien, Stahl und Marmor aus Indien, Aluminium aus Brasilien, Holz aus Kanada und tropischen Ländern mit Regenwäldern importiert wird, erscheint der Bau eines Hauses, das aus dem Aushub des Baugrundes entsteht als ein Paradigmenwechsel oder als Gruss aus einer Vergangenheit, die wir gerne romantisieren. Möglicherweise ist es auch eine Vision. Hieß es in Deutschland 1974 in anderem Zusammenhang nicht „Eine Zukunft für die Vergangenheit?“

Die im Augenblick für Deutschland und Europa selbstverständliche, globale Verfügbarkeit von Material und billiger Arbeitskraft hat die Qualität unserer gebauten Umwelt und der überkommenen Handwerkskultur nachhaltig verändert. Statt global verfügbare Handwerkskunst als Begegnung und Bereicherung der eigenen Handwerkskultur zu begreifen, geht es vorrangig um vagabundierende, günstige Arbeitskraft. Dem Fluss der freien Materialauswahl für einen spezifischen Ort, dessen Gestalt und Farbigkeit, steht die globale marktwirtschaftliche Materialverdrängung gegenüber. Es entstehen auswechselbare Orte ohne Zeit: „Unorte“ nannte der französische Anthropologe Marc Augé diese Plätze.

Bauen mit dem, was der Baugrund inmitten von Reisfeldern in Bhaktapur hergibt – das erscheint als eine heute notwendige Erfahrung für Architekturstudenten.

Das Experiment der Fachhochschule Frankfurt in Nepal hat gestalterisches Gut in Form von Entwürfen von Ziegeln nach Bhaktapur importiert. Dort traf dieses Gut auf die jahrhundertealte Baukultur und Handwerkskunst der Newars. Es galt, den durch die Begegnung entstehenden Reichtum beider Kulturen auszuloten. Für die Newars entstand mit der Neuinterpretation ihres Baumaterials Ziegel sicher eine „verkehrte Welt“ und damit unversehens eine Herausforderung. Den Frankfurter Studenten galt der Reichtum der Baugrube als eine ähnliche Herausforderung. Der Ort gibt den Mörtel, den Rohstoff für das Baumaterial, selbst der Bambus für das Gerüst wird in einem nahen Hain geschlagen. Gerade der aus örtlichem Lehm gebrannte Ziegel hat die Chance, als kleinstes Bauelement Architektur zur verorten und mit der vor Ort verfügbaren Handwerkskunst unverwechselbare Orte zu schaffen. Das gestalterische Potential dieses kleinsten Elementes – der Ziegelstein – ist noch längst nicht ausgeschöpft – weder in gebrannter noch in ungebrannter Form. Beispiele aus der Architekturgeschichte Hamburgs oder Amsterdams könnten Paten sein für neue Entwicklungen von Ziegelgenerationen. Die Qualität von gebrannter Erde – terra cotta - , ihre Farbigkeit, ihre haptisch erfahrbare, bildhaft-körperliche  Oberfläche ist emotional oder sinnlich-erotisch erfahrbar: als bergende Haut und lebendige Wandfläche. Die in Nepal entstandene Ziegelskulptur kann als erster Prototyp für eine neue Erfahrung gelten – ein architektonisches Ziegelerlebnis!

In Bhaktapur entstand am Rande eines Reisfeldes ein gebauter „transkultureller Fluss von Ideen“, der seit über 500 Jahren Europa und Asien nährt. Die Ziegelskulptur stellt eine materialisierte Erfahrung widerstreitender Konzepte dar. Sie ist ein Spiegel des Reichtums zweier Kulturen.

 

unten: Beispiele handgeformter Ziegel

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Ziegel der Turm zu Bhaktapur in Nepal  

Hrsg. Niels Gutschow und Wolfgang Rang

Das Buch zum Projekt ist in der Schriftenreihe des Fachbereichs 1 erschienen. Bestellung