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Übersichtsartikel

Intelligente Systeme und Barrierefreiheit

Masterstudiengang als Chance

Der aktuelle Umwandlungsprozess, der alle deutschen Hochschulen im Rahmen der Umstellung der bisherigen Studiengänge auf Bachelor und Masterstudiengänge erfasst hat, ist für alle Beteiligten eine große Belastung, bietet aber auch reelle Chancen, neue Ideen und Konzepte in den Lehrbetrieb einzuführen. An der FH Frankfurt am Main gibt es dafür ein besonders interessantes Beispiel. Unter dem Leitthema Barrierefreie Systeme (Abkürzung: BaSys) haben sich dort drei Fachbereiche zu einem Experiment zusammengefunden. Die Fachbereiche Architektur, Soziale Arbeit und Gesundheit sowie Informatik und Ingenieurwissenschaften haben einen Masterstudiengang konzipiert, der in den drei Ausprägungen "Barrierefreies Planen und Bauen", "Intelligente Systeme" und "Case Management für ein barrierefreies Leben" die jeweils fachspezifischen Inhalte auf Masterniveau vermittelt. Durch eine gemeinsame interdisziplinäre Projektschiene ist für die Dauer des gesamten Masters eine enge Kooperation gegeben. Was dies für den einzelnen Studierenden bedeutet, sei hier aus der Perspektive des Faches Informatik und Ingenieurwissenschaften illustriert.

Warum intelligente Systeme?

Ungewöhnlich mag auf den ersten Blick erscheinen, warum der Fachbereiche Informatik und Ingenieurwissenschaften einen Masterstudiengang unter dem Titel "Intelligente Systeme" anbietet. Dieses Rätsel löst sich schnell auf, wenn man versteht, dass der Begriff der Barrierefreiheit vom Gesetzgeber mittlerweile sehr allgemein gefasst wird. Im Behindertengleichstellungsgesetz versteht man unter Barrierefreiheit eine allgemeine Gestaltung des Lebensumfelds für alle Menschen, die möglichst niemanden ausschließt und von allen gleichermaßen genutzt werden kann. Nimmt man diese Formulierung ernst, dann gehört dazu auch, dass der Umgang von Menschen mit technischen Systemen generell so zu gestalten ist, dass die Benutzeroberfläche der Maschinen zum Menschen hin menschengemäß sein muss; vom Gesetzgeber wird nicht mehr akzeptiert, dass Menschen sich -bildlich gesprochen- verbiegen müssen, um ein technisches System nutzen zu können. Die menschenangepaßte Nutzung eines technischen Systems verlangt aber -neben vielen anderen Aspekten- in vielen Fällen, dass die technischen Systeme intelligent sind. Nur so können sie auf besondere Umstände, auf individuelle Benutzereigenschaften reagieren. Von dieser Überlegung her erschließt sich das neuartige Design des Masterstudienganges "Intelligente Systeme" als Teil des übergreifenden interdisziplinären Masterstudienganges Barrierefreie Systeme.

Zurückhaltend, aber sehr aufmerksam....

Neben dem Aspekt der Intelligenz ist es vor allem auch die möglichst umfassende Anpassung der technischen Systeme an die Besonderheiten der menschlichen Lebenswelt, die dazu führt, dass die Systeme möglichst klein werden, unsichtbar, dass sie miteinander vernetzt sind, oft drahtlos miteinander kommunizieren, und Verbindung zum weltumspannenden Internet haben. Für die Lehrenden und Studierenden erfordert dies ein Umdenken: die verschiedenen Gebiete der Informatik und Ingenieurwissenschaften müssen stärker als früher miteinander verzahnt und integriert werden. So geht es nicht mehr nur um einen einzelnen Sensor, sondern um Sensoren als Teil von Sensorfeldern, die wiederum über geeignete Kommunikationsprotokolle mit entsprechenden Datensammelstellen kommunizieren. Diese sind wiederum über geeignete Netze mit Steuerrechnern verknüpft, die über geeignete Auswertungsprogramme verfügen, Zugang zu Datenbanken haben und die über Rückkoppelungswege zu Sensoren und Aktoren verfügen. Auch erwartet der Benutzer heute immer mehr auch eine sprachliche oder visuelle Kommunikation mit den technischen Systemen, die ihm vertraut ist. Für viele gedächtnisschwache Menschen wäre z.B. ein Ernährungsassistent ein große Hilfe, der daran erinnert, genug zu essen und zu trinken, oder z.B. für Gehörlose ein Gestenerkenner, der die Zeichen der Gebärdensprache in gesprochene Sprache übersetzen kann und umgekehrt. Schwergängige Türen, Schubladen, Rollos usw. könnten per Sprache bewegt werden; Eßhilfen könnten so manchem zu mehr Autonomie verhelfen. Ein ungelöstes Problem stellen auch die vielen Menschen dar, die eigentlich noch selbständig in ihrer gewohnten Umgebung leben könnten, aber durch einige wenige --manchmal nur einen einzigen-- kritischen Körperwert (Blutdruck, Zucker, ...) in lebensbedrohliche Situationen geraten können. Mit den modernen technischen Mitteln könnte man diesen Menschen in ihrem normalen Lebensraum helfen. Wie diese wenigen Beispiele zeigen, ist das Anwendungsspektrum von intelligenten Systemen für ein barrierefreies Leben sehr groß.

Ohne Vorlesungen lernen?

Für den Studenten ist der Stoff des Masterstudienganges Intelligente Systeme in 9 Themen gegliedert, die eng ineinander greifen (siehe Tabelle). Für die Vermittlung dieses Stoffes haben sich die "Designer" des Studienganges an den Erfahrungen der letzten Jahre, insbesondere auch an den Universitäten der USA, orientiert. In diesem Studiengang gibt es keine Vorlesungen im üblichen Sinne mehr. Die Studierenden besprechen mit den Dozenten nur noch Aufgabenstellungen und es ist Aufgabe der Studierenden, alleine oder in Teams die entsprechende Literatur auszuwerten, entsprechende Experimente durchzuführen bzw. geeignete Lösungen zu erarbeiten. Im Rhythmus von zwei Wochen stellen Sie ihre Ergebnisse dann in der gesamten Lerngruppe vor und man bespricht gemeinsam die gefundenen Lösungen. Wer zwischendurch Hilfe benötigt, kann diese über den gemeinsamen eLearning-Server anfordern oder er kann im Rahmen der wöchentlichen Videokonferenz von zu Hause aus, abends, mit den Dozenten sprechen. An drei Abenden in der Woche gibt es diese Videokonferenzen.

1.Semester

Themen: Sicherheitskritische Systeme , Mensch-Maschine Interaktion , Realzeitsysteme, Formale Methoden 

AIIPS Projekt: Anforderungsanalyse  

2.Semester

Themen: Sensorik, Dynamisches Wissen 1, Spracherkennung / Sprachsysnthese 1, Bilderkennung 1

AIIPS Projekt: Modellierung


3.Semester

Themen: Aktorik, Dynamisches Wissen 2, Spracherkennung / Sprachsynthese 2, Bilderkennung 2

AIIPS Projekt: Prototyp

4.Semester

Master-Arbeit

 

Interdisziplinarität: Die Summe ist mehr als ihre Teile

Alle Studierenden befinden sich ferner drei Semester lang in einem interdisziplinären Projekt, in dem sie mit Studierenden aus den Gebieten Architektur sowie Pflege und Sozialwissenschaften zusammenarbeiten. Die Erfahrungen zeigen, dass es praktisch für alle Studierende eine wirkliche Herausforderung ist, die Denk- und Arbeitsweise des eigenen Fachs nochmals auch mit den Augen und der Sprache der jeweils anderen Disziplinen verstehen zu müssen. Doch so laut auch zwischendurch die Klage über das Unverständnis der anderen Disziplinen gewesen sein mag, am Ende eines Semesters überwiegt durchgängig die positive Erfahrung, dass man es geschafft hat; man beginnt zu verstehen, man sieht, wie ganz neue Dinge entstehen, die so, alleine im Rahmen der eigenen Disziplin, nicht entstanden wären.

Den Abschluss bildet dann eine Masterarbeit, in der die interdisziplinären Bezüge ganz natürlich mit einfließen. Wer ein dreisemestriges gemensames Projekt hinter sich hat, der denkt 'ganz von selbst' interdisziplinär, auch wenn er vielleicht gar nicht so genau sagen kann, wann und wo er das eine oder andere gelernt hat.

Für das Leben lernen...

Im heutigen Berufsleben treffen wir auf ein Paradox: auf der einen Seite werden immer mehr extreme Spezialisten benötigt, die die vielen neuen Technologien in ihren Details beherrschen, auf der anderen Seite erfordert die zunehmende Integration aber auch Generalisten, die in der Lage sind, unterschiedlichste Technologien für Anwendungen zu planen, zu integrieren, zu warten, zu evaluieren usw. Bei den Generalisten kommt hinzu, dass sie meistens zugleich in interdisziplinären Kontexten arbeiten müssen. Der Masterstudiengang Intelligente Systeme adressiert vornehmlich diese zweite Aufgabenstellung: Integration von komplexen verteilten Systemen in interdisziplinären Kontexten. Natürlich haben die Studierenden dieses Masters sich auch intensiv mit den Technologien selbst beschäftigt, aber sie mussten dies immer im Kontext tun, unter den Blicken der fachfremden Mitstudierenden. Wer diesen Weg erfolgreich gegangen ist, von dem darf man erwarten, dass er im Berufsleben sein Spezialwissen auch in fachfremden Umgebungen fruchtbar einsetzen kann, um zukunftsweisende vernetzte barrierefreie Systeme für Alt und Jung zu entwickeln.